Islamische Seelsorge im Gespräch - von Frank Stüfen

SIPCC – „Islamische Seelsorge im Gespräch. Ein Trialog zwischen Muslimen, Juden und Christen.“ Mainz/Deutschland, 28.9.-4.10.2013

Die Wirklichkeit der Schweizer Gefängnisse ist multikulturell und multireligiös. Es kann vorkommen, dass über dreißig verschiedene Sprachen in einem Gefängnis gesprochen werden und bis zu zwei Drittel der Gefangenen ausländischer Herkunft sind. Es liegt auch in der Verantwortung der reformierten und katholischen Gefängnisseelsorgenden, dass aus unverbundener Multireligiösität ein verbindender interreligiöser Dialog wird. Deshalb hat es mich sehr gefreut, als ich von Helmut Weiss, dem Präsidenten von SIPCC („Society of Intercultural Pastoral Care and Counselling“, dt. „Gesellschaft für interkulturelle Seelsorge und Beratung“) eingeladen wurde, in einem Workshop ein Beispiel aus unserer schweizerischen interkulturellen/interreligiösen Wirklichkeit vorzutragen.

SIPCC versteht sich als Gesellschaft, die interkulturelle Seelsorge im Gespräch und Gesprächsprozesse reflektierend praktisch-theologisch und in der Begegnung von Seelsorgepraktikern aus verschiedenen Kulturen und Religionen voranbringen will.

Mit Einverständnis der beteiligten Imame und Pfarrer beschrieb ich einen Prozess, an dem wir gemeinsam beteiligt waren, als wir in der JVA Pöschwies umfassend den Trauerprozess nach dem Suizid eines muslimischen Mannes interkulturell und interreligiös seelsorgerlich begleitet hatten Dabei war es wichtig, von Anfang an den trauernden Insassen gegenüber gemeinsam aufzutreten und muslimische und christliche Trauerrituale anzubieten. Da der Verstorbene in verschiedenen Spezialabteilungen innerhalb des Vollzugs bekannt gewesen war, besuchten wir die dortigen Gefangenen, redeten mit ihnen darüber, was der Tod und ein Suizid im Besonderen in unseren Religionen bedeuten und nahmen die durchaus divergierenden Ansichten seelsorgerlich auf. Dabei zeigte sich die Wichtigkeit der Fürbitten am Ende der Gruppengespräche: der Pfarrer fasste die Gesprächsinhalte in Worte und brachte sie als Bitte vor Gott, worauf der Imam die Sure sang, die in der islamischen Tradition notwendig ist. Unaufdringlich wurde der Sinn des jeweiligen Tuns der interreligiösen Trauergruppe kurz erläutert. Diese interkulturelle Edukation half eventuell vorhandene Blockaden der Gruppen zu lösen. Die interne Trauerfeier wurde interreligiös verwoben: Suren und Bibeltexte wechselten sich ab, ebenso die christlichen und islamischen Erklärungen, die Gebete und Segenshandlungen. Der in der muslimischen Tradition verankerte Brauch Baklava und Getränke nach der Trauerfeier zu reichen, konnte ebenso erfüllt werden. Um den Rücktransport des Verstorbenen kümmerte sich der Imam gemeinsam mit islamischen Gemeinden ausserhalb der Gefängnismauern. Er fungierte auch als interkultureller Vermittler der Familie gegenüber, etwa um ihr klar zu machen, weshalb der Leichnam erst nach Abschluss der rechtsmedizinischen Untersuchungen zum Rücktransport freigegeben werden konnte. Diese enge Zusammenarbeit und das ungewöhnliche Ineinandergreifen oder Ineinanderverweben von verschieden Traditionen und Kulturen, wie es vielleicht noch erst hinter Gefängnismauern möglich ist, diskutierten wir intensiv im interreligiös besetzten Plenum des Workshops.

Nicht unerwartet tauchte Gefängnisseelsorge unter diesem Tagungsthema als Seelsorgefeld immer wieder auf.

Die Berner Professorin für Religionspädagogik, Religionspsychologie und Seelsorgelehre, Dr. Isabelle Noth, (sie ist Mitglied des Schweizerischen Vereins für Gefängnisseelsorge und verfügt über wichtige Erfahrungen als Gefängnisseelsorgerin), führte in die christliche Seelsorge ein und tat dies, indem sie drei Thesen ausführte. Christliche Seelsorge sei gewaltfrei, mehr an Verstehen als an Moral interessiert und trage zum religiösen Frieden bei. Ihre Interpretation des Seelenbegriffs (hebr.: „näfäsch“) als Hals oder Gurgel war erhellend. Im Hals wird Luft und Nahrung aufgenommen. Seele ist also ursprünglich ein Synonym für Leben. Seelsorge ist dann Sorge um den Menschen als Seele. In diesem Verständnis ist Seelsorge Sorge um Leib und Seele. Mit Hinweis auf Mt. 16,26 („Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele einbüßt?“) zeigte sie auf, dass man seine Seele verlieren kann, indem man sich verliert. Eine solche Seelsorge trennt nicht dycho- oder trichotomisch in Leib, Seele und Geist.

Überraschend war es für mich, so deutlich im Referat von Rabbi Danny Smith aus London zu hören, dass es in der jüdischen Religion praktisch keine Tradition der Seelsorge gibt. Überraschend vor allem, wenn man bedenkt, dass die Begründer der klassischen Tiefenpsychologie wie Freud oder Frankl Juden waren. Offenbar ging das (fast) ohne Einfluss auf die Rabbinerarbeit vor sich. Rabbi Smith stellte ein Seelsorgeprojekt vor, an dem er mitbeteiligt ist, das sich „Raphael“ (Gott hilft) nennt. Aber auch dort bleiben rabbinische Tätigkeit und Seelsorgetätigkeit aus der Sicht eines christlichen Gefängnisseelsorgers spürbar getrennt.

Rabbiner, Imame und Pfarrer oder Pfarrerinnen unterscheiden sich in der Tradition ihrer Seelsorgearbeit so stark, dass vielleicht nicht ihr jeweiliges Selbstverständnis, wohl aber ihre jeweilige Aussenwahrnehmung ebenso stark divergierend sein kann. Ein Imam berichtete in einem Gruppengespräch, dass er sich in der Selbstbeschreibung eines evangelischen Pastors gut wiederfinde. Andererseits wurde mir in der interreligiösen Diskussion um den Begriff „fatwa“ deutlich, dass teilweise das traditionelle Verständnis von Rabbinern und Imamen dort überlappt, wo beide sich um die situativ richtige Auslegung von Vorschriften kümmern. Wie weit in der rabbinischen Tradition die Fortschritte des eigenen Verständnisses hin zur Seelsorge reichen, bleibt für mich nach der Tagung noch offen. Die wenigen Erfahrungen, die ich im Gefängniskontext mit Rabbinern machen durfte, zeigen noch wenig Spuren von eigentlicher Seelsorgearbeit. Dort scheint die Hilfe zur Einhaltung religiöser Vorschriften im Vordergrund zu stehen.

Bei den Imamen, die sich für Seelsorge interessieren, aber vor allem bei den Pionieren der muslimischen Seelsorge ist eine breiter werdende Bewegung erkennbar, die versucht, Ansätze der christlichen Seelsorgelehre mit der Frage zu verbinden, wie sich diese Erfahrungen in den islamischen Kontext übertragen lassen. In meiner abendlichen interreligiösen Reflexionsgruppe berichtete Frau Pastorin Dr. Kayales über ihre Erfahrungen in der Ausbildung von Imamen in Hamburg. Sie führt dort Imame in die Grundsätze von Krankenhausseelsorge ein. In solchen Projekten wird m.E. in Deutschland die Basis gelegt für eine zunehmend eigenständige Auseinandersetzung der islamischen Theologie mit ihrer eigenen noch zu entwickelnden Seelsorgelehre.

Islamische Fundierung der Seelsorge findet dabei mehrere Ansatzpunkte. Der malaysische Forscher Ahmad Faizal Bin Ramly referierte über den malaysischen Zugang zur muslimischen Seelsorge. Er verwies darauf, dass die Verbindung zu Gott unverkennbar sein müsse und nannte dies das Konzept des ‚Tauhid’, was soviel wie Gottzentriertheit bedeutet, und fügte den Begriff Khair Ummha[1] an, ebenso wie den Verweis auf die Seelsorgepraxis des Propheten selbst oder das auch im Islam verwurzelte Wort vom Besuch des Kranken, Gefangenen und Hungrigen[2], das im Islam ähnlich verortet zu sein scheint wie in Mt 25.36.

Ein Unterschied, der immer wieder in den Voten muslimischer Teilnehmender genannt wurde, ist die Absenz von professionellen Seelsorgenden. Ursprünglich ist Seelsorge Aufgabe jedes Muslims. Erst mit dem Schritt in eine multikulturelle Welt mit ihren veränderten Strukturen ist es nötig, Seelsorge zu professionalisieren und sie darin zugleich zu einer Profession zu machen. Mich persönlich beeindruckte das Wort einer muslimischen Frau, die selbst in verschiedenen seelsorgerlichen Konzepten ausgebildet ist: „Ihr Christen macht das schon so lange. Euer Baum ist eine grosse Eiche. Unser Baum wächst erst langsam und wir müssen erst sehen, welche Triebe stark werden an unserem Bäumchen.“

Schaut man in die malaysischen Gefängnisse, wie Ahmad Faizal das getan hat, findet sich folgende Seelsorge: es geht um religiöse Programme zur Resozialisierung von Straftätern. Seelsorge heisst hier: das pädagogisch motivierte Erläutern von Koran und Lehre, das gemeinschaftliche und selbständige Gebet und das Einüben in die islamische Praxis.

Faizal hat dies in drei Schritten systematisiert: Zuerst soll die Disziplin gestärkt, dann die Persönlichkeit des Insassen erweitert und zum Schluss seine sozialen Fähigkeiten gestärkt werden. Der spirituelle Aspekt ist dabei das Zentrum der Arbeit an der Persönlichkeit. In dieser modulartig aufgebauten Resozialisierung werden sie vor allem durch Seelsorger begleitet. Die Insassen verbringen ein halbes bis ein ganzes Jahr damit, Moral und Spiritualität zu entwickeln und gemeinschaftliche therapeutische Aktivitäten zu begehen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die mangelnde religiöse Ausbildung der Grund fürs Delinquieren war, ja mehr noch, dass die emotionalen und psychologischen Gründe, die der Delinquenz zugrunde liegen, im Mangel an religiöser Bildung und spiritueller Stärke liegen. Diesen Ansatz hat Prof. Tosun, ein Religionspädagoge aus Ankara, in seinem Referat im  Wesentlichen bestätigt und für die Türkei vertieft.

Entsprechend geht es in der praktischen Seelsorge dann auch um das Vermitteln und das Einüben der religiösen Lehre und Praxis. Eigentlich jeder muslimische Seelsorger hat dabei darauf gedrängt, dass dort, wo diese Seelsorge stattfindet, sie im Wissen und in der Kenntnis psychologischer Zusammenhänge geschieht. Dies gilt überraschenderweise auch dort, wo die Seelsorge, wie in den malaysischen Gefängnissen, aus pädagogischen Gründen in der religiösen Erziehung der Menschen liegt.

Im Trialog der Religionen wurde immer wieder deutlich, dass der soziokulturelle Aspekt für die Entwicklung jeglicher Seelsorge eine bedeutende Rolle spielt. Wenn Trost darin liegt, dem Kranken Suren zu singen und ihm passende Gebete beizubringen, dann macht es erst einmal wenig Sinn, diese Erwartung des Kranken zu enttäuschen und all die Fragen zu stellen, die sich aus pastoralpsychologischer Sicht vielleicht auch noch stellen lassen würden.

Dennoch bilden sich Muslime und Rabbiner in clinical pastoral training (cpt/KSA) oder systemischer Seelsorge aus, um ein breiteres und vertieftes Repertoire zu haben, das ihnen ermöglicht, neue Wege zu gehen und die alten Traditionen mitzunehmen.

Für mich hat sich etwas verändert mit dieser Tagung: war mir im Vorfeld nicht klar, inwiefern es für Muslime Sinn machen könnte, an unserer christlichen Aus- und Weiterbildung teilzunehmen, habe ich in den Gesprächen erfahren, wie diese Ausbildungen dazu beitragen, eine eigene islamisch orientierte Seelsorgekonzeption entwickeln zu können.

Gefängnisseelsorge bewegt sich in staatlichen Institutionen. Sie ist ihrer je eigenen religiösen Tradition ebenso verpflichtet, wie sie die institutionellen Ordnungen achtet. In ihrer dreifachen Loyalität gegenüber ihrer Religion, dem Staat und ihren Klienten muss sie über ein beachtliches Wissen verfügen in juristischen, psychologischen, religiösen und vollzugsspezifischen Themen, da sie sonst ihren Dienst nicht mit der gebotenen Loyalität ausüben und letztlich dem Klient Schaden zufügen kann. Gefängnisseelsorge als religiöse Lebensbegleitung wie man sie auch im Christentum noch vor der sog. Seelsorgebewegung praktizierte, lässt sich in der höchst komplexen Welt der heutigen Gefängnisse nicht mehr rechtfertigen. Dass heute auch muslimische Seelsorgende Schritte in Richtung einer seelsorgerlich-pastoralpsychologischen Begleitung machen, welche die religiöse Lebensbegleitung ergänzt, ist für die Gefangenen ein Segen. Eine muslimische Seelsorgelehre, welche die islamische Anthropologie reflektiert, wird Gefangene muslimischer Sozialisation besser verstehen (als es etwa eine christliche könnte) und ihnen so helfen, ihr Tun und Lassen im Lichte ihrer eigenen sozioreligiösen Werte zu bedenken. Dabei kann es für Imame und muslimische Seelsorgende enorm hilfreich sein, christlich geprägte Aus- und Weiterbildungen zur Grundlage zu nehmen. Meine Hoffnung ist dabei, dass auf jüdischer Seite mehr Rabbiner den Weg von Daniel Smith aus London gehen und so zu einer professionalisierten Gefängnisseelsorge beitragen. Wenn ein Gefangener in der Schweiz zeigen kann, dass seine Rückfallgefahr gesunken ist, erhöhen sich seine Chancen auf Resozialisierung enorm, und er wird die Möglichkeit bekommen, in Freiheit zu leben. Freiheit ist in allen Religionen ein bedeutendes Thema und gehört deshalb pointiert in die Gefängnisseelsorge.

Die bereits erwähnte hochgebildete türkische Seelsorgerin erzählte mir eine kleine Geschichte aus ihrer Tradition: „Der Hoxha[3] stieg auf das Dach, um etwas zu reparieren. Dabei stürzte er zu Boden und schrie laut auf. Das Dorf lief zusammen, war bestürzt und überlegte, was zu tun sei. Der eine rief: „Holt einen Arzt!“ Der andere rief: “ Holt einen Sanitäter!“ Der dritte verlangte nach jemandem, der die Knochen wieder richten könnte. Nur der Hoxha schrie und sagte: „Seid alle still! Bringt mir jemanden, der schon mal vom Dach gefallen ist!“

Diese Geschichte ist doch ein gewitzter Ansatz, um eine eigene Seelsorge zu entwickeln.

Weiterführende Literatur:

Ahmad Faizal Ramly et al., Islamic Care and Counseling: The Malaysian Experience, International Islamic University Malaysia, 2013

Christina Kayales, Interkulturelle Seelsorge im Krankenhaus. Gemeinsam zu einer Balance finden, in:  Deutsches Pfarrerblatt. Das  Heft 6/2013, S. 331-334

Frank Stüfen, Spiritual Help during detention, in: Emerging Issues in Prison Health, hrsg. von: Bernice Elger, Catherine Ritter und Heino Stöver , 2014

 

Frank Stüfen, Leitender Pfarrer der ev.-ref. Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz

 

 



[1] The concept of Khair Ummah is a responsibility to build the civilization with the basis of believing in God and promoting all good deeds and preventing all evil. It is based on Quran 3: 110: Verily you are the best of nation raised up (for the benefit) of men, you enjoin what is right and forbid wrong and you believe in Allah.

 

[2] Gott spricht: "Kind Adams, ich war krank und du hast mich nicht besucht." Der Mensch antwortet: "O Herr, wie kann ich dich besuchen, wo du doch der Herr der Welten bist?" Gott spricht: "Hast du nicht gewusst, dass einer meiner Diener krank war, und du hast ihn nicht besucht? Hast du nicht gewusst, dass du, wenn du ihn besucht hättest, mich bei ihm gefunden hättest?"Hadith des Propheten Muhamad

[3] anderer Begriff für einen islamischen Gelehrten

 

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